Perspektive

Warum zweifle ich immer zuerst an mir selbst?

Selbstzweifel verstehen: Warum die Fähigkeit zur Selbstreflexion dazu führen kann, dass wir bei Konflikten zuerst den Fehler bei uns suchen – und wann aus hilfreichem Hinterfragen automatischer Selbstzweifel wird.

Vielleicht kennen Sie diesen Moment.

Nach einem Streit gehen Sie das Gespräch noch einmal im Kopf durch.

Etwas hat Sie verletzt. Vielleicht hat der andere etwas gesagt, das Sie unfair fanden, oder Sie sind mit einem unguten Gefühl aus dem Gespräch gegangen.

Und dann beginnt das Nachdenken.

„Vielleicht habe ich das falsch verstanden.“

Kurz darauf fällt Ihnen ein, dass Sie selbst gereizt waren. Vielleicht war Ihre Reaktion zu stark. Vielleicht haben Sie etwas gesagt, das beim anderen ebenfalls schlecht angekommen ist.

Eine halbe Stunde später beschäftigen Sie sich kaum noch damit, was Sie ursprünglich verletzt hat.

Sie beschäftigen sich mit sich selbst.

„Was habe ich falsch gemacht?“

Warum Selbstzweifel so vernünftig wirken können

Sich selbst zu hinterfragen ist zunächst eine wichtige Fähigkeit.

Wir können Situationen falsch einschätzen. Wir können andere Menschen verletzen, ohne es zu beabsichtigen. Und selbstverständlich beeinflussen unsere eigenen Erfahrungen, Erwartungen und Gefühle die Art, wie wir etwas wahrnehmen.

Wer darüber nachdenken kann, ist zur Selbstreflexion fähig.

Gerade deshalb kann es so schwer sein zu bemerken, wann aus Selbstreflexion etwas anderes wird.

Denn auch automatischer Selbstzweifel klingt zunächst ausgesprochen vernünftig.

Er sagt nicht unbedingt:

„Ich bin schlecht.“

Er fragt:

„Was, wenn ich mich irre?“

Die entscheidende Frage ist, ob diese Prüfung tatsächlich offen ist.

Selbstreflexion und Selbstzweifel beginnen ähnlich

Stellen Sie sich vor, Sie sind nach einem Gespräch überzeugt, dass der andere Sie unfair behandelt hat.

Selbstreflexion kann anschließend fragen:

„Könnte ich etwas übersehen haben?“

Vielleicht denken Sie noch einmal über die Situation nach und kommen zu dem Ergebnis, dass Sie tatsächlich etwas missverstanden haben.
Vielleicht bleibt Ihre ursprüngliche Einschätzung bestehen.
Vielleicht erkennen Sie einen eigenen Anteil und finden das Verhalten des anderen trotzdem problematisch.

All diese Ergebnisse sind möglich.

Denn eine Prüfung hat noch kein Ergebnis.

Automatischer Selbstzweifel beginnt an derselben Stelle und nimmt eine kleine, aber entscheidende Abkürzung:

„Wahrscheinlich habe ich etwas falsch verstanden.“

Jetzt wird nicht mehr nur geprüft.

Eine Richtung steht bereits fest.

Wenn der eigene Fehler zur wahrscheinlichsten Erklärung wird

Diese Richtung kann so vertraut sein, dass sie kaum auffällt.

Etwas geschieht zwischen Ihnen und einem anderen Menschen, und sobald die Situation widersprüchlich wird, beginnen Sie bei sich.

Vielleicht war ich zu empfindlich.
Vielleicht habe ich zu viel erwartet.
Vielleicht habe ich mich unklar ausgedrückt.

Das sind alles mögliche Erklärungen.

Auffällig wird es, wenn mögliche Erklärungen über den eigenen Anteil regelmäßig schneller verfügbar sind als andere.

Dann lautet die innere Ausgangsfrage nicht mehr:

„Was ist hier eigentlich geschehen?“

Sie lautet:

„Was könnte ich dazu beigetragen haben?“

Das klingt verantwortungsbewusst.

Es kann jedoch dazu führen, dass Sie Verantwortung prüfen, bevor überhaupt geklärt ist, wofür Sie verantwortlich sein könnten.

Warum Selbstreflexion zur Falle werden kann

Menschen, die viel über sich nachdenken können, verfügen über eine große Menge an Informationen über sich selbst.

Sie kennen ihre empfindlichen Stellen. Sie wissen um frühere Erfahrungen und können eigene Reaktionen kritisch betrachten.

Damit haben sie auch viel Material zur Verfügung, um eine schwierige Situation mit sich selbst zu erklären.

Wenn Sie beispielsweise wissen, dass Ablehnung Sie schnell verunsichert, können Sie nach einer verletzenden Bemerkung denken:

„Das trifft mich wahrscheinlich nur so stark, weil Ablehnung für mich ein schwieriges Thema ist.“

Das kann stimmen.

Es beantwortet allerdings noch nicht die Frage, wie die Bemerkung des anderen einzuordnen ist.

Die eigene Geschichte kann erklären, warum etwas besonders stark wirkt.

Sie macht das Geschehen selbst dadurch noch nicht bedeutungslos.

Selbstreflexion wird problematisch, wenn sie regelmäßig dazu führt, dass eine Erklärung über die eigene Reaktion an die Stelle der Betrachtung dessen tritt, was zwischen zwei Menschen geschehen ist.

Der eigene Anteil ist nicht automatisch die ganze Erklärung

Nach dem eigenen Anteil zu fragen, kann sehr hilfreich sein.

In Beziehungen tragen häufig beide Menschen zu Konflikten bei. Manchmal erkennen wir im Nachhinein, dass wir unfair waren oder etwas anders hätten sagen können.

Doch der eigene Anteil ist genau das:

ein Anteil.

Sie können in einem Streit gereizt gewesen sein und trotzdem abgewertet worden sein.
Sie können empfindlich auf ein Thema reagieren und trotzdem eine berechtigte Grenze haben.
Sie können etwas missverstanden haben und trotzdem einen guten Grund haben, nachzufragen.

Die Erkenntnis „Ich habe auch etwas beigetragen“ beantwortet deshalb nicht automatisch die Frage:

„Wie beurteile ich das Verhalten des anderen?“

Beides kann gleichzeitig betrachtet werden.

Wenn Selbstzweifel wie Verantwortungsbewusstsein aussehen

Gerade für Menschen, denen Fairness wichtig ist, kann automatischer Selbstzweifel schwer zu erkennen sein.

Sie möchten dem anderen kein Unrecht tun.

Also prüfen Sie sich.

Das ist zunächst sinnvoll.

Wenn diese Prüfung jedoch regelmäßig mit der Vermutung beginnt, dass die eigene Reaktion wahrscheinlich das Problem ist, entsteht eine Schieflage.

Dann bekommt die Perspektive des anderen den Vorteil des Zweifels.
Ihre eigene bekommt den Zweifel selbst.

Und genau darin liegt ein wichtiger Unterschied.

Selbstreflexion nimmt die Möglichkeit des eigenen Irrtums ernst. Automatischer Selbstzweifel macht den eigenen Irrtum zur wahrscheinlichsten Erklärung.

Warum mehr Selbstbewusstsein das Problem nicht unbedingt löst

Das erklärt auch, warum Menschen in manchen Lebensbereichen ausgesprochen sicher sein können und in bestimmten Beziehungen trotzdem ständig an sich zweifeln.

Sie treffen beruflich Entscheidungen, vertreten ihre Meinung und wissen durchaus, was sie können.

In einer emotional bedeutsamen Beziehung kann die innere Reihenfolge trotzdem eine andere sein.

Sobald ein Konflikt entsteht, beginnt die Suche beim eigenen Fehler.

Das muss kein allgemeiner Mangel an Selbstbewusstsein sein.

Es kann eine vertraute Art sein, widersprüchliche Beziehungssituationen zu verarbeiten.

Und deshalb lässt sie sich auch nicht unbedingt dadurch verändern, dass man sich einfach vornimmt, selbstbewusster zu sein.

Warum Selbstzweifel auch ein Gefühl von Kontrolle geben können

Es gibt noch einen Grund, weshalb die Suche bei sich selbst so attraktiv sein kann.

Der eigene Anteil ist der Teil einer Situation, auf den wir am ehesten Einfluss haben.

Wenn ich das Problem bin, kann ich etwas tun.

Ich kann mich anders ausdrücken, geduldiger werden oder beim nächsten Mal besser reagieren.

Das kann unangenehm sein.

Es gibt mir aber eine Handlungsmöglichkeit.

Sehr viel schwerer kann die Erkenntnis sein, dass ein anderer Mensch sich problematisch verhält und ich dieses Verhalten nicht kontrollieren kann.

Dann kann die Frage „Was habe ich falsch gemacht?“ paradoxerweise mehr Sicherheit geben als die Frage:

„Was, wenn ich hier gar nicht diejenige bin, die das Problem lösen kann?“

Auch deshalb kann Selbstzweifel hartnäckig sein.

Er belastet.

Und gleichzeitig hält er die Vorstellung offen, dass wir die Situation durch eigenes Verhalten wieder in Ordnung bringen können.

Wie eine offenere Prüfung aussehen kann

Die Alternative zu automatischem Selbstzweifel besteht nicht darin, den eigenen Anteil nicht mehr zu prüfen.

Sie besteht darin, das Ergebnis dieser Prüfung nicht vorwegzunehmen.

Nach einem schwierigen Gespräch könnten deshalb mehrere Informationen nebeneinanderstehen.

Was ist tatsächlich geschehen?
Wie habe ich darauf reagiert?
Was könnte mein eigener Anteil sein?
Und wie verhält sich der andere zu dem, was geschehen ist?

Keine dieser Fragen muss automatisch Vorrang haben.

Sie dienen gemeinsam dazu, ein vollständigeres Bild zu bekommen.

Vielleicht stellen Sie am Ende fest, dass Sie tatsächlich etwas falsch eingeschätzt haben.
Vielleicht erkennen Sie einen eigenen Anteil.
Und vielleicht kommen Sie zu dem Schluss, dass Ihre ursprüngliche Irritation einen guten Grund hatte.

Selbstreflexion lässt alle diese Ergebnisse offen.

Vielleicht zweifeln Sie nicht zu viel

Wenn Sie sich nach Konflikten immer wieder fragen, warum Sie so stark an sich selbst zweifeln, könnte deshalb eine genauere Beobachtung interessant sein.

Achten Sie weniger darauf, ob Sie sich hinterfragen.

Achten Sie darauf, wie Sie es tun.

Beginnt Ihre Überlegung mit:

„Könnte ich mich irren?“

Oder steht innerlich bereits fest:

„Wahrscheinlich liegt es an mir.“

Zwischen diesen beiden Sätzen liegen nur wenige Worte.

Ihre Bedeutung ist sehr unterschiedlich.

Der erste öffnet eine Prüfung.
Der zweite enthält bereits ein Ergebnis.

Vielleicht liegt die Schwierigkeit deshalb gar nicht in Ihrer Fähigkeit zur Selbstreflexion.

Vielleicht beginnt Ihre Selbstreflexion nur erstaunlich oft mit einem Verdacht gegen Sie selbst.

„Selbstreflexion fragt: Könnte ich mich irren? Automatischer Selbstzweifel denkt: Wahrscheinlich irre ich mich.“

Wenn Sie nach Konflikten immer wieder bei sich selbst landen

Wenn Sie merken, dass Sie nach schwierigen Situationen verschiedene Erklärungen durchgehen und am Ende kaum noch wissen, was eigentlich geschehen ist, kann es hilfreich sein, diese Ebenen wieder auseinanderzuhalten.

Das Reflexionsheft „Übertreibe ich? – Warum ich bei meiner Beziehung nicht mehr weiß, was ich glauben soll“ setzt genau dort an. Es hilft dabei, Beobachtung, Erklärung, Wirkung und Wiederholung voneinander zu unterscheiden und dadurch ein vollständigeres Bild der eigenen Beziehungserfahrung zu bekommen.

Weitere Perspektiven

Manche Gedanken verändern die Art, wie wir auf unser eigenes Erleben schauen.

Sie machen Zusammenhänge sichtbar, für die uns bisher vielleicht die Worte gefehlt haben. Unter Perspektiven finden Sie weitere Texte zu Beziehungen, Selbstzweifeln und den Folgen emotionaler Verletzungen.