Warum vertraue ich meiner eigenen Wahrnehmung nicht?
Der eigenen Wahrnehmung vertrauen: Warum wir beginnen können, unsere eigene Einschätzung grundsätzlich zuerst zu hinterfragen – und wie dieses Vertrauen schrittweise verloren gehen kann.

Vielleicht kennen Sie diesen Gedanken:
„Vielleicht bilde ich mir das nur ein.“
Etwas ist geschehen und Sie haben eigentlich eine ziemlich deutliche Reaktion darauf.
Ein Gespräch hat Sie verletzt. Eine Situation fühlt sich merkwürdig an. Vielleicht haben Sie auch einfach das Gefühl, dass etwas nicht stimmt.
Kurz darauf beginnt das Nachdenken.
Habe ich das richtig verstanden?
War es wirklich so schlimm?
Bin ich gerade besonders empfindlich?
Vielleicht fragen Sie einen anderen Menschen, wie er die Situation einschätzen würde. Sie suchen nach einer Erklärung oder lesen etwas darüber.
Und irgendwann fällt Ihnen auf:
Fast jeder möglichen Erklärung geben Sie zunächst mehr Gewicht als Ihrer eigenen.
Wie Vertrauen in die eigene Wahrnehmung verloren gehen kann
Kaum jemand entscheidet eines Tages:
„Ab jetzt glaube ich mir selbst nicht mehr.“
Der Prozess kann sehr viel unauffälliger verlaufen.
Sie nehmen etwas wahr und finden anschließend einen Grund, weshalb Ihre Einschätzung möglicherweise nicht stimmt.
Beim nächsten Mal geschieht etwas Ähnliches.
Und irgendwann wird aus dem Überprüfen eine Gewohnheit.
Bevor Sie sich mit der Frage beschäftigen, was Sie eigentlich wahrgenommen haben, suchen Sie bereits nach Gründen, weshalb diese Wahrnehmung falsch sein könnte.
Das klingt zunächst nach sorgfältigem Nachdenken.
Und selbstverständlich ist es sinnvoll, die eigene Wahrnehmung überprüfen zu können.
Interessant wird es dort, wo die Überprüfung immer an derselben Stelle beginnt:
bei Ihnen.
Selbstzweifel können nach der Wahrnehmung entstehen
Wenn Menschen ihrer Wahrnehmung wenig vertrauen, entsteht leicht der Eindruck, sie könnten Situationen einfach nicht gut einschätzen.
Doch manchmal ist die Wahrnehmung zunächst erstaunlich klar.
Sie bemerken, dass Sie eine Bemerkung verletzt hat oder dass Ihnen etwas in einer Situation unangenehm war.
Erst danach beginnt die Unsicherheit.
Vielleicht war es gar nicht so gemeint.
Vielleicht fehlt Ihnen eine wichtige Information.
Vielleicht hat Ihre eigene Geschichte beeinflusst, wie Sie die Situation erlebt haben.
All diese Möglichkeiten können stimmen.
Das Entscheidende ist, was mit Ihrer ursprünglichen Wahrnehmung geschieht, während Sie sie prüfen.
Wird sie zu einer Information unter mehreren?
Oder wird sie so lange relativiert, bis von ihr kaum noch etwas übrig ist?
Warum Fairness die eigene Wahrnehmung schwächen kann
Die Bereitschaft, verschiedene Perspektiven einzunehmen, ist grundsätzlich eine wertvolle Fähigkeit.
Sie ermöglicht uns, andere Menschen zu verstehen und die eigene Sicht zu korrigieren. Wir wissen, dass wir uns irren können und eine Situation aus der Perspektive eines anderen anders aussehen kann.
Problematisch kann es werden, wenn diese Offenheit ungleich verteilt ist.
Dann suchen Sie sorgfältig nach Gründen, die für die Perspektive des anderen sprechen, während Ihre eigene Wahrnehmung bereits begründungspflichtig wird.
Der andere war gestresst.
Das war wahrscheinlich anders gemeint.
Vielleicht haben Sie etwas missverstanden.
Für die andere Perspektive entstehen Möglichkeiten.
Für die eigene entsteht eine Prüfung.
Und mit der Zeit kann daraus eine Verschiebung werden:
Die Wahrnehmung des anderen gilt zunächst als mögliche Erklärung. Die eigene Wahrnehmung gilt zunächst als möglicher Irrtum.
Der eigenen Wahrnehmung vertrauen heißt nicht, immer recht zu haben
Genau hier entsteht häufig ein Missverständnis.
Wenn Menschen merken, dass sie sich selbst kaum noch glauben, lautet der Rat schnell:
„Du musst wieder lernen, dir selbst zu vertrauen.“
Das kann so klingen, als sollten Sie künftig einfach davon ausgehen, dass Ihre Wahrnehmung stimmt.
Doch auch die eigene Wahrnehmung kann unvollständig sein.
Wir können etwas missverstehen. Unsere Erfahrungen beeinflussen, was wir wahrnehmen. Manchmal fehlen uns Informationen.
Vertrauen braucht deshalb keine Gewissheit.
Der eigenen Wahrnehmung zu vertrauen bedeutet nicht, sie immer für richtig zu halten. Es bedeutet, sie nicht grundsätzlich als Erstes infrage zu stellen.
Sie darf geprüft werden.
Aber sie darf als ernstzunehmende Information in diese Prüfung hineingehen.
Wenn die eigene Wahrnehmung immer weniger Gewicht bekommt
Wenn die eigene Wahrnehmung über längere Zeit immer wieder zurückgestellt wird, kann sich das Verhältnis zu ihr verändern.
Dann fühlen sich irgendwann auch Situationen unsicher an, die Sie früher recht selbstverständlich eingeschätzt hätten.
Sie suchen häufiger Bestätigung bei anderen oder gehen ein Gespräch im Nachhinein immer wieder durch, weil Sie nicht wissen, ob Ihre Reaktion berechtigt war.
Das kann sich wie eine allgemeine Unsicherheit anfühlen.
Doch möglicherweise fehlt Ihnen die Wahrnehmung selbst gar nicht.
Sie ist noch da.
Was sich verändert hat, ist das Gewicht, das Sie ihr geben.
Und genau deshalb hilft eine weitere Meinung manchmal nur kurzfristig.
Jemand bestätigt Ihre Einschätzung und für einen Moment sind Sie erleichtert.
Bei der nächsten Situation beginnt die Prüfung erneut.
Warum Bestätigung von außen das Problem nicht vollständig löst
Wenn Sie Ihrer eigenen Wahrnehmung wenig Gewicht geben, liegt es nahe, Sicherheit bei anderen zu suchen.
„Wie würdest du das sehen?“
Eine Außenperspektive kann ausgesprochen hilfreich sein. Gerade in verwirrenden Situationen können andere Menschen etwas erkennen, das wir selbst übersehen.
Schwierig wird es, wenn die fremde Einschätzung benötigt wird, damit die eigene überhaupt gültig erscheinen darf.
Dann entsteht Sicherheit erst, wenn jemand anderes bestätigt:
„Ja, das war wirklich merkwürdig.“
Die Bestätigung beantwortet die konkrete Frage.
Sie verändert jedoch noch nicht zwangsläufig die zugrunde liegende Gewichtung.
Beim nächsten Mal kann die eigene Wahrnehmung wieder ganz unten in der Reihenfolge stehen.
Wahrnehmung braucht keinen Sonderstatus
Vielleicht liegt die Lösung deshalb weder darin, der eigenen Wahrnehmung grundsätzlich zu misstrauen, noch darin, ihr einen besonderen Wahrheitsanspruch zu geben.
Es geht um etwas Schlichteres.
Wenn Sie eine Situation einschätzen, stehen Ihnen verschiedene Informationen zur Verfügung.
Sie können berücksichtigen, was tatsächlich geschehen ist, wie der andere die Situation erklärt, welche Hintergründe Sie kennen und was Sie selbst wahrgenommen haben.
Ihre Wahrnehmung ist eine dieser Informationen.
Sie muss nicht unfehlbar sein, um ernst genommen zu werden.
Vielleicht ist genau das verloren gegangen, wenn Menschen sagen:
„Ich weiß gar nicht mehr, was ich glauben soll.“
Sie haben nicht unbedingt aufgehört wahrzunehmen.
Sie haben möglicherweise gelernt, ihrer eigenen Wahrnehmung von vornherein weniger Gewicht zu geben.
Vielleicht beginnt Vertrauen an einer anderen Stelle
Wenn Sie sich selbst häufig fragen, ob Sie übertreiben, zu empfindlich sind oder etwas falsch verstanden haben, müssen Sie diese Fragen nicht verbieten.
Es kann sinnvoll sein, sie zu stellen.
Interessant ist, wann Sie sie stellen.
Kommt zuerst:
„Was habe ich eigentlich wahrgenommen?“
Und danach:
„Welche anderen Erklärungen gibt es?“
Oder beginnt der Prozess unmittelbar mit:
„Warum könnte meine Wahrnehmung falsch sein?“
Dieser kleine Unterschied kann viel darüber verraten, welchen Platz Ihre eigene Wahrnehmung inzwischen bekommen hat.
Vielleicht beginnt Vertrauen deshalb nicht mit dem Entschluss:
„Ab jetzt glaube ich mir.“
Es kann sehr viel früher beginnen:
Meine Wahrnehmung darf eine ernstzunehmende Information sein, auch wenn ich noch nicht weiß, wie ich die Situation am Ende einschätzen werde.
„Der eigenen Wahrnehmung zu vertrauen bedeutet nicht, sie immer für richtig zu halten. Es bedeutet, sie nicht grundsätzlich als Erstes infrage zu stellen.“
Wenn Sie Ihre eigene Wahrnehmung wieder besser einordnen möchten
Wenn Sie merken, dass Sie nach schwierigen Beziehungssituationen immer wieder zwischen verschiedenen Erklärungen hin- und herwechseln und am Ende vor allem an sich selbst zweifeln, setzt das Reflexionsheft genau an diesem Problem an.
Es hilft Ihnen dabei, das, was tatsächlich geschehen ist, von den Erklärungen dafür und den Auswirkungen auf Sie zu unterscheiden. So entsteht eine Grundlage, auf der die eigene Erfahrung wieder neben anderen Informationen stehen kann.
