Perspektive

Warum schaffe ich es einfach nicht, mich zu verändern?

Verhaltensmuster verändern: Warum gute Vorsätze häufig nicht ausreichen – und weshalb altes Verhalten erstaunlich sinnvoll sein kann, solange es noch eine wichtige Aufgabe erfüllt.

Vielleicht kennen Sie diesen Gedanken:

„Ich verstehe das doch. Warum mache ich es trotzdem immer wieder?“

Sie haben sich vorgenommen, beim nächsten Konflikt früher etwas zu sagen. Vielleicht möchten Sie nicht mehr sofort nachgeben oder nach einem schwierigen Gespräch stundenlang an sich selbst zweifeln.

Der Vorsatz ist ernst gemeint.

Und dann kommt die nächste Situation.

Plötzlich reagieren Sie wieder genauso wie früher.

Hinterher ist das alte Verhalten oft sehr viel leichter zu erkennen als in dem Moment, in dem es geschieht.

Und irgendwann entsteht die Frage:

„Warum schaffe ich es einfach nicht, mich zu verändern?“

Schnell klingt die Antwort nach mangelnder Konsequenz.

Vielleicht müsste ich mich mehr anstrengen.
Disziplinierter sein.
Endlich umsetzen, was ich längst verstanden habe.

Es gibt jedoch noch eine andere Möglichkeit.

Vielleicht ergibt das Verhalten, das Sie verändern möchten, für einen Teil Ihres Erlebens weiterhin Sinn.

Warum gute Vorsätze oft nicht ausreichen

Viele Veränderungen beginnen mit einem Entschluss.

„Beim nächsten Mal mache ich das anders.“

Ein solcher Entschluss kann wichtig sein. Er zeigt, dass Sie eine Alternative sehen und etwas verändern möchten.

Nur entsteht unser Verhalten selten in einem ruhigen Moment, in dem wir sämtliche Möglichkeiten gegeneinander abwägen.

Es entsteht in konkreten Situationen.

Jemand ist enttäuscht von Ihnen.
Ein Konflikt wird unangenehm.
Sie haben das Gefühl, etwas falsch gemacht zu haben.

Und plötzlich ist das vertraute Verhalten wieder da.

Um zu verstehen, warum, kann eine Frage hilfreicher sein als die Suche nach mehr Willenskraft:

Was leistet dieses Verhalten in genau diesem Moment?

Verhalten kann eine Aufgabe erfüllen

Nehmen wir an, Sie möchten lernen, in Konflikten weniger schnell nachzugeben.

Von außen betrachtet ist die Sache klar.

Sie haben eine eigene Meinung. Sie dürfen sie vertreten. Sie wissen inzwischen sogar, dass ein Konflikt nicht automatisch bedeutet, dass eine Beziehung gefährdet ist.

Trotzdem geben Sie nach.

Dann lohnt es sich, genauer auf den Moment zu schauen.

Vielleicht sinkt die Anspannung, sobald Sie zustimmen.

Der Streit endet.
Der andere wird wieder freundlicher.
Und Sie fühlen sich erleichtert.

Das Nachgeben hat damit etwas bewirkt.

Es hat eine unangenehme Situation beendet und möglicherweise ein Gefühl von Sicherheit wiederhergestellt.

Aus dieser Perspektive erscheint das Verhalten plötzlich weniger rätselhaft.

Es tut etwas für Sie.

Was heute stört, kann trotzdem einer inneren Logik folgen

Das gilt auch für Verhaltensweisen, die uns längst Probleme bereiten.

Wer nach jedem Konflikt zuerst bei sich selbst nach dem Fehler sucht, leidet möglicherweise erheblich unter seinen Selbstzweifeln. Gleichzeitig kann die Suche nach dem eigenen Anteil ein Gefühl von Einfluss herstellen: Wenn es an mir liegt, kann ich etwas verändern.

Wer sich ständig anpasst, verliert möglicherweise den Kontakt zu den eigenen Wünschen. Gleichzeitig kann Anpassung dazu beitragen, Auseinandersetzungen zu vermeiden.

Das macht die Folgen dieser Verhaltensweisen nicht weniger belastend.

Es erklärt aber, weshalb ein Vorsatz allein häufig wenig gegen sie ausrichten kann.

Ein Verhalten, das aus Ihrer heutigen Sicht unvernünftig erscheint, kann innerhalb Ihrer bisherigen inneren Logik vollkommen sinnvoll sein.

Warum das alte Verhalten immer wieder zurückkehrt

Wenn wir ein Verhalten verändern wollen, konzentrieren wir uns häufig auf die sichtbare Reaktion.

Ich möchte weniger grübeln.
Ich möchte früher Nein sagen.
Ich möchte mich nicht sofort entschuldigen.

Dann versuchen wir, an genau dieser Stelle anders zu handeln.

Das kann funktionieren.

Schwieriger wird es, wenn die Situation innerlich weiterhin dieselbe Bedeutung besitzt.

Wenn ein Nein sich weiterhin nach Beziehungsgefahr anfühlt, hat Anpassung einen guten Grund.

Wenn Kritik weiterhin bedeutet, dass etwas Grundsätzliches mit Ihnen nicht stimmt, hat Perfektionismus eine Aufgabe.

Wenn die Stimmung eines anderen weiterhin signalisiert, dass Sie dringend etwas tun müssen, kann es ausgesprochen schwer sein, einfach gelassen zu bleiben.

Dann konkurriert der neue Vorsatz mit einer alten Lösung, die aus Ihrer inneren Perspektive weiterhin gebraucht wird.

Veränderung kann an einer anderen Stelle beginnen

Vielleicht kennen Sie auch Veränderungen, für die Sie erstaunlich wenig Disziplin gebraucht haben.

Etwas wurde Ihnen klar und plötzlich erschien ein Verhalten, das vorher selbstverständlich war, nicht mehr sinnvoll.

Vielleicht haben Sie verstanden, dass Sie für etwas gar nicht verantwortlich sind.

Oder Sie haben eine Erfahrung gemacht, durch die eine Situation ihre bisherige Bedeutung verloren hat.

Das Verhalten verändert sich dann manchmal fast nebenbei.

Nicht immer sofort und nicht vollständig.

Aber die alte Reaktion hat einen Teil ihrer Selbstverständlichkeit verloren.

Das ist ein wichtiger Unterschied.

Sie müssen nun nicht mehr ausschließlich versuchen, sich in derselben inneren Situation anders zu verhalten.

Die Situation selbst beginnt, etwas anderes für Sie zu bedeuten.

Warum Verstehen allein trotzdem nicht immer reicht

Zu erkennen, welche Aufgabe ein Verhalten erfüllt, ist noch keine Garantie dafür, dass es verschwindet.

Man kann sehr genau wissen, warum man sich anpasst, und sich trotzdem weiterhin anpassen.

Man kann die eigene Angst vor Konflikten verstehen und sie weiterhin spüren.

Manche Erfahrungen sind über lange Zeit entstanden. Neue Erfahrungen müssen erst verfügbar werden, bevor eine alte Lösung tatsächlich weniger notwendig erscheint.

Trotzdem verändert die Frage nach der Funktion etwas Wesentliches.

Aus

„Warum mache ich das schon wieder?“

wird:

„Was löst dieses Verhalten gerade für mich?“

Damit lässt sich genauer erkennen, woran Veränderung eigentlich ansetzen müsste.

Wenn ein Verhalten seine Aufgabe verliert

Stellen Sie sich noch einmal das Nachgeben im Konflikt vor.

Lange war es vielleicht der zuverlässigste Weg, die Anspannung zu beenden.

Dann machen Sie nach und nach andere Erfahrungen.

Sie sagen etwas, mit dem der andere nicht einverstanden ist, und die Beziehung bleibt bestehen.
Ein Konflikt wird unangenehm und endet trotzdem.
Jemand ist enttäuscht von Ihnen, ohne dass Sie diese Enttäuschung sofort beseitigen müssen.

Mit solchen Erfahrungen kann sich die Bedeutung der Situation verändern.

Nachgeben ist dann weiterhin möglich.

Aber es ist nicht mehr die einzige Lösung, die sich sicher anfühlt.

Und genau dort kann Veränderung entstehen.

Vielleicht ist die Frage nicht, warum Sie es nicht schaffen

Wenn ein altes Verhaltensmuster immer wieder zurückkehrt, kann das sehr frustrierend sein.

Vor allem dann, wenn Sie längst wissen, wie Sie eigentlich reagieren möchten.

Vielleicht lohnt es sich deshalb, für einen Moment weniger darauf zu schauen, was Sie stattdessen tun sollten.

Schauen Sie auf das, was bereits geschieht.

Welche Aufgabe erfüllt mein altes Verhalten noch?

Was wird dadurch leichter?
Was wird vermieden?
Was wird sicherer?

Sie müssen daraus nicht sofort eine Lösung ableiten.

Manchmal reicht zunächst die Erkenntnis, dass das alte Verhalten nicht grundlos immer wieder auftaucht.

Es folgt möglicherweise einer Logik, die einmal sehr sinnvoll war und heute noch nicht vollständig ihre Bedeutung verloren hat.

Und dann verändert sich auch die Frage nach Veränderung:

Was müsste ich erfahren, verstehen oder lernen, damit ich diese alte Lösung nicht mehr in derselben Weise brauche?

„Verhalten verändert sich leichter, wenn es seine bisherige Aufgabe nicht mehr erfüllen muss.“

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