Perspektive

Warum habe ich immer das Gefühl, zu viel zu sein?

„Ich bin zu viel“ verstehen: Wie aus Erfahrungen mit Gefühlen und Bedürfnissen eine Überzeugung über die eigene Person entstehen kann.

Vielleicht kennen Sie diesen Gedanken:

„Ich bin einfach zu viel.“

Er taucht auf, wenn Sie sich verletzt fühlen und darüber sprechen möchten. Wenn Sie mehr Nähe brauchen als der andere oder merken, dass Ihnen etwas nicht guttut.

Manchmal genügt schon die Reaktion eines anderen.

Ein genervter Blick.
Ein Seufzen.

Und plötzlich fragen Sie sich nicht mehr nur, ob Sie gerade etwas brauchen.

Sie fragen sich, ob Sie zu viel brauchen.

Vielleicht kennen Sie diesen Gedanken schon so lange, dass er kaum noch wie eine Frage klingt.

„Ich bin eben so.“

Doch „zu viel“ ist keine besonders genaue Beschreibung eines Menschen.

Es ist eine Bewertung.

Und Bewertungen haben eine Geschichte.

Wie aus einer Erfahrung eine Aussage über die eigene Person werden kann

Stellen Sie sich ein Kind vor, das Trost braucht.

Es sucht die Nähe einer wichtigen Bezugsperson und erlebt, dass diese gerade keine Kapazität dafür hat.

Aus dieser einzelnen Situation folgt zunächst nur:

Mein Bedürfnis trifft gerade auf jemanden, der es nicht beantworten kann.

Ein Kind denkt darüber allerdings kaum in dieser Form nach.

Wenn ähnliche Erfahrungen häufiger auftreten, kann daraus eine andere Schlussfolgerung entstehen.

Vielleicht ist mein Bedürfnis das Problem.
Vielleicht brauche ich mehr als andere.
Vielleicht bin ich anstrengend.

Mit der Zeit kann sich dadurch etwas verschieben.

Aus einer Erfahrung darüber, was zwischen zwei Menschen geschieht, wird eine Überzeugung darüber, wer ich bin.

„Zu viel“ entsteht nicht im luftleeren Raum

Ob uns etwas viel erscheint, hängt immer auch vom Zusammenhang ab.

Ein Mensch möchte nach einem schwierigen Tag ausführlich erzählen, was ihn beschäftigt. Sein Gegenüber hört gerne zu und interessiert sich dafür.

In einer anderen Beziehung reagiert jemand auf dasselbe Bedürfnis nach Austausch schnell genervt.

Das Bedürfnis ist vergleichbar.
Die Erfahrung damit ist eine andere.

Natürlich gibt es Situationen, in denen wir von anderen tatsächlich viel verlangen. Menschen können unterschiedliche Bedürfnisse nach Nähe, Austausch, Ruhe oder Unterstützung haben. Und manchmal passen diese Bedürfnisse nur schwer zusammen.

Interessant ist deshalb nicht die pauschale Frage, ob jedes eigene Bedürfnis angemessen ist.

Interessant ist, wie aus wiederholten Erfahrungen damit irgendwann der Satz entstehen kann:

„Ich bin zu viel.“

Denn dieser Satz beschreibt nicht mehr ein konkretes Bedürfnis in einer konkreten Situation.

Er beschreibt die ganze Person.

Wenn die Reaktion des anderen zur Information über mich wird

Menschen lernen viel über sich selbst in Beziehungen.

Wenn jemand interessiert reagiert, erfahren wir etwas darüber, wie es sich anfühlt, mit unseren Gedanken willkommen zu sein.

Wenn eine Grenze respektiert wird, machen wir eine Erfahrung damit, dass Unterschiedlichkeit möglich ist.

Und wenn bestimmte Gefühle oder Bedürfnisse wiederholt Irritation, Rückzug oder Überforderung auslösen, lernen wir ebenfalls etwas.

Nur ist nicht jede Schlussfolgerung, die daraus entsteht, zwangsläufig eine zutreffende Beschreibung unserer Person.

Die Reaktion eines anderen sagt zunächst auch etwas über diesen Menschen und diese Beziehung aus.

Darüber, wie viel Nähe jemand aushält, wie er mit Gefühlen umgeht, welche Bedürfnisse er nachvollziehen kann und was ihn selbst überfordert.

Wenn diese Ebene aus dem Blick gerät, kann die Reaktion des anderen vollständig zur Information über uns selbst werden.

Dann bedeutet:

„Der andere ist von meinem Bedürfnis überfordert“

irgendwann:

„Mein Bedürfnis ist überfordernd.“

Und daraus kann werden:

„Ich bin anstrengend.“

Warum Anpassung so naheliegend werden kann

Wenn Sie davon ausgehen, zu viel zu sein, gibt es eine scheinbar einfache Möglichkeit, Beziehungen leichter zu machen:

Sie versuchen, weniger zu sein.

Vielleicht sprechen Sie etwas nicht an, obwohl es Sie beschäftigt. Sie warten länger, bevor Sie um Unterstützung bitten, oder relativieren ein Gefühl schon während Sie davon erzählen.

Das kann tatsächlich etwas bewirken.

Andere werden weniger mit Ihren Bedürfnissen konfrontiert.
Konflikte können seltener werden.
Und vielleicht erleben Sie weniger Situationen, in denen jemand genervt oder überfordert reagiert.

Dadurch kann sich die Anpassung sinnvoll anfühlen.

Gleichzeitig entsteht ein Problem: Sie bekommen immer weniger Gelegenheit herauszufinden, was eigentlich geschehen würde, wenn Sie sich mit Ihren Bedürfnissen tatsächlich zeigen.

Wie „zu viel“ zu einem inneren Maßstab wird

Mit der Zeit braucht es möglicherweise gar keine ablehnende Reaktion mehr.

Die Bewertung findet bereits vorher statt.

Sie möchten etwas ansprechen und prüfen sofort, ob es wichtig genug ist.
Sie brauchen Nähe und überlegen, ob Sie gerade zu bedürftig sind.
Sie sind verletzt und fragen sich, ob Ihre Reaktion übertrieben ist.

Der andere hat noch gar nichts gesagt.

Trotzdem betrachten Sie Ihr eigenes Erleben bereits aus der Perspektive einer möglichen Überforderung.

So kann aus einer früheren Beziehungserfahrung ein innerer Maßstab werden.

Sie tragen die Frage, wie viel von Ihnen für andere zumutbar ist, irgendwann selbst mit sich herum.

Warum „Bin ich zu viel?“ schwer zu beantworten ist

Die Frage klingt zunächst, als müsste sich objektiv feststellen lassen, wie viel Gefühl, Nähe oder Bedürftigkeit angemessen ist.

So einfach ist es nicht.

Menschen unterscheiden sich.

Was für einen Menschen viel Nähe ist, kann für einen anderen genau richtig sein. Was jemand als intensive Auseinandersetzung erlebt, empfindet ein anderer als wichtigen Austausch.

Natürlich gibt es Grenzen dessen, was wir voneinander verlangen können.

Doch die Frage „Bin ich zu viel?“ vermischt verschiedene Ebenen.

Sie macht aus der Reaktion eines anderen, aus der Passung zwischen zwei Menschen und aus einem konkreten Bedürfnis eine Bewertung der gesamten Person.

Vielleicht ist deshalb eine genauere Frage hilfreicher:

Was genau ist hier gerade „zu viel“ – und für wen?

Von der Selbstbeschreibung zurück zur Erfahrung

Wenn Sie den Satz „Ich bin zu viel“ schon lange kennen, kann es interessant sein, ihn für einen Moment nicht als Tatsache über sich selbst zu behandeln.

Schauen Sie darauf, wann er auftaucht.

Was wollten Sie in diesem Moment?
Was haben Sie gefühlt?
Und was ist zwischen Ihnen und einem anderen Menschen geschehen?

Vielleicht entdecken Sie dabei, dass der Satz besonders zuverlässig erscheint, wenn Sie etwas brauchen, einen Unterschied deutlich machen oder mit einem starken Gefühl sichtbar werden.

Dann lässt sich die ursprüngliche Selbstbeschreibung genauer formulieren.

Aus

„Ich bin zu viel“

kann beispielsweise werden:

„Ich habe erlebt, dass bestimmte Seiten von mir für andere schwierig waren.“

Das klingt ähnlich.

Psychologisch ist es etwas anderes.

Denn jetzt beschreibt der Satz wieder eine Erfahrung.

Keine Eigenschaft Ihrer Person.

Vielleicht erzählt der Satz eine Geschichte

Wenn Menschen lange glauben, zu sensibel, zu emotional oder zu bedürftig zu sein, versuchen sie häufig, an diesen Eigenschaften zu arbeiten.

Sie möchten gelassener werden, weniger brauchen oder sich weniger schnell verletzt fühlen.

Manchmal kann Veränderung sinnvoll sein.

Es lohnt sich jedoch, vorher zu verstehen, worauf die eigene Vorstellung von „zu viel“ eigentlich beruht.

Vielleicht erzählt dieser Satz weniger darüber, wie viel Sie sind, als darüber, welche Erfahrungen Sie damit gemacht haben, Sie selbst zu sein.

Und dann verändert sich die Ausgangsfrage.

Aus:

„Warum bin ich so viel?“

wird:

„Wie bin ich zu der Überzeugung gekommen, dass das, was ich fühle und brauche, zu viel ist?“

Diese Frage hat keine vorgegebene Antwort.

Aber sie öffnet einen anderen Blick auf einen Satz, der sich vielleicht schon sehr lange wie eine Tatsache anfühlt.

„Aus einer Erfahrung darüber, was zwischen zwei Menschen geschieht, kann eine Überzeugung darüber werden, wer ich bin.“

Weitere Perspektiven

Manche Gedanken verändern die Art, wie wir auf unser eigenes Erleben schauen.

Sie machen Zusammenhänge sichtbar, für die uns bisher vielleicht die Worte gefehlt haben. Unter Perspektiven finden Sie weitere Texte zu Beziehungen, Selbstzweifeln und den Folgen emotionaler Verletzungen.