Perspektive

Warum die wichtigste Frage nicht lautet: „Ist mein Partner toxisch?“

Ist meine Beziehung gesund? Warum die Suche nach „toxischen“ Eigenschaften des Partners oft nicht die Antwort gibt, nach der wir eigentlich suchen.

„Ist mein Partner toxisch?“

Wer bei Google nach schwierigen Beziehungserfahrungen sucht, begegnet dieser Frage schnell.

Vielleicht suchen auch Sie nach Merkmalen. Sie lesen über Narzissmus, Manipulation oder emotionale Gewalt und vergleichen das Gelesene mit dem Verhalten Ihres Partners.

Manches passt.
Anderes überhaupt nicht.

Dann finden Sie einen weiteren Artikel und sind sich wieder unsicher.

Vielleicht ist das Verhalten doch normal.
Vielleicht haben Sie etwas falsch eingeordnet.
Vielleicht fehlt Ihnen nur das richtige Wissen, um endlich zu verstehen, mit wem Sie es zu tun haben.

Und so wird aus einer Frage irgendwann sehr viel Recherche.

Das ist nachvollziehbar.

Denn hinter der Frage „Ist mein Partner toxisch?“ steckt häufig die Hoffnung auf etwas anderes:

Wenn ich weiß, was mit dem anderen los ist, weiß ich endlich, was ich von meiner Beziehung halten soll.

Genau hier lohnt es sich, zwei Fragen voneinander zu unterscheiden.

Eine Frage über den Menschen und eine Frage über die Beziehung

Wenn Sie sich fragen, ob Ihr Partner toxisch, narzisstisch oder manipulativ ist, versuchen Sie etwas über diesen Menschen herauszufinden.

Warum verhält er sich so?
Was steckt dahinter?
Ist das Absicht?
Gibt es dafür eine psychologische Erklärung?

Solche Fragen können wichtig sein. Manchmal hilft Wissen tatsächlich dabei, Verhalten besser zu verstehen.

Nur beantworten sie eine andere Frage als:

„Wie ist diese Beziehung für mich?“

Das klingt zunächst nach einem kleinen Unterschied.

Tatsächlich verändert es den Gegenstand, den Sie betrachten.

Einmal versuchen Sie, einen Menschen einzuordnen.
Das andere Mal versuchen Sie, eine Beziehung einzuordnen.

Und für diese beiden Aufgaben brauchen Sie nicht dieselben Informationen.

Warum ein Etikett so viel Sicherheit verspricht

Begriffe wie „toxisch“ wirken attraktiv, wenn die eigene Erfahrung widersprüchlich geworden ist.

Ein Etikett scheint viele einzelne Situationen auf einmal zu erklären.

Plötzlich gäbe es eine Kategorie für das, was vorher so schwer greifbar war.

Und möglicherweise sogar eine Antwort auf die nächste Frage:

„Was soll ich jetzt tun?“

Genau deshalb kann die Suche danach so hartnäckig werden.

Wenn das Etikett passt, scheint die Sache klar.
Wenn es nicht eindeutig passt, beginnt die Unsicherheit von vorn.

Denn reale Menschen verhalten sich selten so übersichtlich wie Merkmalslisten.

Jemand kann liebevoll und gleichzeitig verletzend sein. Er kann in manchen Situationen Verantwortung übernehmen und sich in anderen vollkommen anders verhalten. Gute Zeiten können neben sehr schwierigen Erfahrungen stehen.

Dann hilft auch die nächste Liste möglicherweise nur begrenzt.

Sie brauchen keine Diagnose, um eine Beziehung ernst zu nehmen

Besonders schwierig wird die Suche, wenn man glaubt, eine problematische Beziehung erst dann ernst nehmen zu dürfen, wenn sich das Verhalten des anderen eindeutig benennen lässt.

Dann entsteht eine hohe Beweishürde.

War das wirklich Manipulation?
Ist das schon emotionale Gewalt?
Reicht dieses Verhalten überhaupt aus, um von einer ungesunden Beziehung zu sprechen?
Und was, wenn der andere es gar nicht so meint?

Solche Fragen können sinnvoll sein, wenn Sie ein bestimmtes Verhalten genauer einordnen möchten.

Für eine andere Frage brauchen Sie diese Gewissheit jedoch nicht:

Wie erlebe ich diese Beziehung?

Dafür müssen Sie weder die Persönlichkeit des anderen erklären noch seine Motive kennen.

Ihre Beziehungserfahrung existiert bereits.

Warum Erklärungen über den anderen trotzdem so verlockend sind

Der Blick auf den anderen hat einen großen Vorteil:

Er verspricht eine Erklärung.

Wenn ich verstehe, warum jemand sich so verhält, ergibt das Geschehen möglicherweise endlich Sinn.

Vielleicht hat mein Partner Schwierigkeiten mit Nähe. Vielleicht hat er selbst schlechte Beziehungserfahrungen gemacht oder reagiert unter Belastung besonders stark.

All das kann relevant sein.

Nur entsteht dabei leicht eine Verschiebung.

Je mehr Sie über den anderen nachdenken, desto mehr Wissen sammeln Sie über mögliche Gründe seines Verhaltens.

Und irgendwann wissen Sie sehr viel darüber, warum etwas geschehen könnte.

Die Frage, wie Sie die Beziehung selbst erleben, kann dabei erstaunlich wenig Raum bekommen.

Das ist genau der Punkt, an dem Verstehen und Einordnen auseinanderfallen können.

Eine Erklärung über den anderen beantwortet noch nicht automatisch die Frage nach Ihrer Beziehung.

„Toxisch“ ist außerdem kein besonders genauer Maßstab

Der Begriff wird heute für sehr unterschiedliche Dinge verwendet.

Manche Menschen meinen damit eine Beziehung, in der sie sich dauerhaft unwohl fühlen. Andere verwenden ihn für manipulatives Verhalten, emotionale Gewalt oder bestimmte Persönlichkeitszüge.

Dadurch entsteht ein zusätzliches Problem:

Zwei Menschen können dieselbe Beziehung betrachten und etwas völlig Unterschiedliches meinen, wenn sie fragen, ob sie „toxisch“ ist.

Für die eigene Orientierung kann es deshalb hilfreicher sein, genauer zu werden.

Was geschieht tatsächlich?
Wie gehen Sie miteinander um?
Was erleben Sie wiederholt?
Und was bedeutet das für Ihre Beziehung?

Damit ist die Frage noch nicht beantwortet.
Aber der Gegenstand wird klarer.

Eine Beziehung lässt sich betrachten, ohne den anderen zu diagnostizieren

Das kann zunächst ungewohnt sein.

Vielleicht möchten Sie verstehen, ob Ihr Partner narzisstische Züge hat, weil Sie endlich wissen möchten, ob Ihre Erfahrungen „schlimm genug“ sind.

Doch Ihre Beziehung muss keine Diagnose erfüllen, bevor Sie sie betrachten dürfen.

Sie können untersuchen, was zwischen Ihnen geschieht.
Sie können wiederkehrende Erfahrungen ernst nehmen.
Und Sie dürfen sich fragen, welche Bedeutung diese Erfahrungen für Sie haben.

Dafür müssen Sie nicht zuerst entscheiden, was für ein Mensch Ihr Partner ist.

Sie beschäftigen sich mit einer anderen Frage:

Was für eine Beziehung führen wir miteinander?

Warum dieser Unterschied entlastend sein kann

Vielleicht recherchieren Sie schon lange.

Sie haben viel über Bindungsstile, Narzissmus, emotionale Unreife oder toxische Beziehungen gelesen.

Und trotzdem wissen Sie noch immer nicht, was Sie von Ihrer eigenen Beziehung halten sollen.

Dann fehlt Ihnen möglicherweise nicht die nächste Erklärung über Ihren Partner.

Vielleicht versuchen Sie, über diese Erklärungen eine Frage zu beantworten, für die Sie andere Informationen brauchen.

Das bedeutet nicht, dass Wissen über problematisches Verhalten unwichtig wäre.

Es bedeutet, dass Sie Ihre eigene Beziehungserfahrung nicht davon abhängig machen müssen, ob Sie den anderen eindeutig kategorisieren können.

Sie dürfen früher anfangen.
Bei dem, was zwischen Ihnen geschieht.

Vielleicht suchen Sie nach einer Antwort auf eine andere Frage

Wenn Sie das nächste Mal merken, dass Sie überlegen:

„Ist mein Partner toxisch?“

könnte es deshalb interessant sein, kurz innezuhalten.

Was möchten Sie mit dieser Antwort eigentlich herausfinden?

Möchten Sie ein bestimmtes Verhalten verstehen?
Möchten Sie wissen, ob Ihre Reaktion darauf berechtigt ist?
Oder versuchen Sie herauszufinden, ob Ihre Beziehung gesund ist und wie Sie mit ihr umgehen möchten?

Dann lohnt es sich, die Fragen voneinander zu trennen.

Denn vielleicht suchen Sie seit Langem nach einer Beschreibung des anderen, obwohl Sie eigentlich eine Einschätzung Ihrer Beziehung brauchen.

Und für diese Einschätzung gibt es eine Information, zu der Sie bereits Zugang haben:

Ihre Erfahrung in dieser Beziehung.

„Sie müssen nicht wissen, was mit Ihrem Partner ‚stimmt‘, um ernst nehmen zu können, was Sie in Ihrer Beziehung erleben.“

Wenn Sie Ihre Beziehung genauer betrachten möchten

Wenn Sie merken, dass Sie inzwischen sehr viel darüber wissen, wie sich problematische Beziehungen erklären lassen, und trotzdem nicht wissen, was Sie von Ihrer eigenen Beziehung halten sollen, setzt das Reflexionsheft „Übertreibe ich? – Warum ich bei meiner Beziehung nicht mehr weiß, was ich glauben soll“ an dieser Stelle an.

Es führt den Blick weg von der endlosen Suche nach einer Erklärung des anderen und hin zu dem, was Sie selbst beobachten und erleben.

Sie beginnen, einzelne Erfahrungen so zu sortieren, dass daraus nach und nach ein zusammenhängenderes Bild Ihrer Beziehung entstehen kann.

Zum Reflexionsheft

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