Perspektive

Warum Perfektionismus oft gar kein Leistungsproblem ist

Perfektionismus verstehen: Warum hinter hohen Ansprüchen die Angst vor Fehlern, Kritik oder Ablehnung stehen kann – und weshalb Fehlerlosigkeit manchmal helfen soll, Beziehungen sicherer zu machen.

Vielleicht kennen Sie diesen Gedanken:

„Es ist noch nicht gut genug.“

Also arbeiten Sie weiter. Sie lesen die E-Mail noch einmal, verändern eine Formulierung oder kontrollieren, ob wirklich alles stimmt.

Irgendwann ist das Ergebnis objektiv betrachtet ziemlich gut.

Das Gefühl, fertig zu sein, stellt sich trotzdem nicht ein.

„Einmal sollte ich noch darüber schauen.“

Wer Perfektionismus kennt, erklärt sich das häufig mit hohen Ansprüchen.

Vielleicht erwarten Sie einfach viel von sich. Vielleicht sind Sie ehrgeizig oder besonders gewissenhaft.

Das kann stimmen.

Es gibt jedoch noch eine andere Frage, die interessant sein kann:

Was wäre eigentlich so schlimm daran, wenn Ihnen ein Fehler unterläuft?

Warum Perfektionismus nicht immer mit Ehrgeiz zu tun hat

Ein hoher Anspruch an die eigene Arbeit kann Freude machen.

Man möchte etwas gut können, entwickelt sich gerne weiter oder hat eine genaue Vorstellung davon, wie ein gutes Ergebnis aussehen soll.

Perfektionismus kann sich ganz anders anfühlen.

Dann entsteht beim Kontrollieren und Verbessern wenig Freude. Im Vordergrund steht die Erleichterung, wenn man schließlich einigermaßen sicher ist, nichts übersehen zu haben.

Der entscheidende Gedanke lautet dann möglicherweise weniger:

„Ich möchte, dass es außergewöhnlich gut wird.“

Er lautet eher:

„Ich möchte auf keinen Fall etwas falsch machen.“

Das klingt zunächst nach einem kleinen Unterschied.

Psychologisch kann es ein ziemlich großer sein.

Die interessante Frage ist, was ein Fehler bedeutet

Ein Fehler ist zunächst einmal ein Fehler.

Eine falsche Zahl in einer Tabelle. Eine ungeschickte Formulierung. Eine Aufgabe, die besser hätte gelöst werden können.

Was ein solcher Fehler innerlich bedeutet, kann jedoch sehr unterschiedlich sein.

Für einen Menschen bedeutet er:

„Das korrigiere ich.“

Für einen anderen löst derselbe Fehler sofort die Sorge aus, jemand könnte enttäuscht sein, die eigene Kompetenz infrage stellen oder sich abwenden.

Dann geht es längst um mehr als die Qualität einer Aufgabe.

Der Fehler bekommt eine soziale Bedeutung.

Was wird der andere jetzt von mir denken?

Und möglicherweise noch grundlegender:

Was passiert zwischen uns, wenn ich etwas falsch mache?

Wenn Fehlerlosigkeit Beziehung sicherer machen soll

Menschen lernen nicht nur, wie man Aufgaben erledigt.

Sie machen auch Erfahrungen damit, wie andere auf Fehler reagieren.

Vielleicht waren Fehler in wichtigen Beziehungen mit Kritik verbunden. Vielleicht mit Beschämung, Ärger oder spürbarer Enttäuschung. Manchmal konnte schon eine kleine Unachtsamkeit die Stimmung verändern.

Dann kann sehr gründliches Arbeiten eine zusätzliche Funktion bekommen.

Wer möglichst wenig falsch macht, bietet möglichst wenig Anlass für Kritik.

Und wenn Kritik oder Enttäuschung sich nach Beziehungsgefahr anfühlen, kann Fehlerlosigkeit zu einer Form von Sicherheit werden.

Die innere Rechnung könnte ungefähr lauten:

„Wenn ich alles richtig mache, gibt es keinen Grund, enttäuscht von mir zu sein.“

Das erklärt, warum Perfektionismus ausgesprochen hartnäckig sein kann.

Er versucht dann nicht nur, ein gutes Ergebnis herzustellen.

Er versucht vorherzusagen und zu verhindern, was nach einem Fehler geschehen könnte.

Warum Lob den Perfektionismus oft nur kurz beruhigt

Das erklärt auch ein Phänomen, das viele perfektionistische Menschen kennen.

Sie erhalten eine gute Rückmeldung und sind zunächst erleichtert.

Die Arbeit war gut.
Niemand hat etwas beanstandet.
Vielleicht bekommen Sie sogar ausdrückliches Lob.

Beim nächsten Projekt beginnt die Anspannung trotzdem wieder.

Wenn die eigentliche Sorge lautet „Was geschieht, wenn ich einen Fehler mache?“, kann ein gelungenes Ergebnis diese Frage nicht dauerhaft beantworten.

Es beweist lediglich:

Dieses Mal ist es gut gegangen.

Beim nächsten Mal muss die Sicherheit erneut hergestellt werden.

Deshalb kann Anerkennung angenehm sein und trotzdem erstaunlich wenig am Perfektionismus verändern.

Warum immer mehr Kontrolle so wenig Sicherheit schafft

Perfektionismus hat dabei ein grundsätzliches Problem.

Absolute Fehlerlosigkeit lässt sich kaum herstellen.

Man kann eine E-Mail ein zweites Mal lesen.
Und ein drittes.

Beim fünften Lesen fällt möglicherweise noch eine Formulierung auf, die man verbessern könnte.

Jede zusätzliche Kontrolle kann kurz beruhigen. Gleichzeitig bestätigt sie die Vorstellung, dass Sicherheit davon abhängt, wirklich nichts übersehen zu haben.

Das macht den Punkt, an dem etwas „sicher genug“ ist, schwer erreichbar.

Denn theoretisch könnte es immer noch einen Fehler geben.

Wenn die Bedeutung dieses Fehlers groß genug ist, erscheint auch eine weitere Kontrolle vernünftig.

Warum Perfektionismus in Beziehungen entstehen kann

Besonders interessant wird dieser Zusammenhang, wenn die eigene Fehlerfreundlichkeit sehr unterschiedlich verteilt ist.

Vielleicht können Sie bei anderen Menschen ohne Weiteres akzeptieren, dass etwas schiefgeht. Sie verstehen, dass jemand müde war, etwas übersehen hat oder einen schlechten Tag hatte.

Bei einem eigenen Fehler fühlt sich dieselbe Großzügigkeit kaum zugänglich an.

Dann lohnt sich die Frage, ob Sie sich selbst lediglich an einem höheren Qualitätsstandard messen.

Oder ob Ihr eigener Fehler innerlich etwas auslöst, das beim Fehler eines anderen gar nicht auf dem Spiel steht.

Die Sorge, wie jemand auf Sie reagieren wird.

Perfektionismus kann dann ein Versuch sein, genau diese Situation möglichst gar nicht erst entstehen zu lassen.

Perfektionismus kann eine Schutzfunktion haben

Das bedeutet nicht, dass jeder Perfektionismus auf Beziehungserfahrungen zurückgeht.

Hohe Ansprüche können mit Selbstwert, Kontrolle, Verantwortungsgefühl, beruflichen Anforderungen oder ganz anderen Erfahrungen zusammenhängen. Der Ausgangstext selbst benennt unterschiedliche mögliche Hintergründe.

Interessant wird die Beziehungsperspektive dort, wo Fehler innerlich unverhältnismäßig viel bedeuten.

Dann könnte Perfektionismus eine Aufgabe übernommen haben:

Kritik unwahrscheinlicher machen.
Enttäuschung vermeiden.
Und dadurch ein Gefühl von Sicherheit erhalten.

Das erklärt auch, weshalb der Satz „Fehler sind doch menschlich“ zwar vollkommen richtig sein und trotzdem wenig verändern kann.

Die entscheidende Frage ist möglicherweise längst nicht mehr, ob Menschen Fehler machen dürfen.

Sie lautet:

Was erwarte ich, was geschieht, wenn ausgerechnet ich einen mache?

Vielleicht möchten Sie gar nicht perfekt sein

Wenn Sie Ihren eigenen Perfektionismus beobachten, könnte deshalb ein anderer Blickwinkel interessant sein.

Achten Sie einmal auf den Moment, in dem etwas eigentlich fertig wäre und Sie trotzdem weiter kontrollieren möchten.

Was versuchen Sie in diesem Moment noch zu erreichen?

Soll das Ergebnis wirklich besser werden?
Oder versuchen Sie, ein ungutes Gefühl loszuwerden?

Und wovor soll die zusätzliche Kontrolle Sie schützen?

Vielleicht vor einem tatsächlichen fachlichen Problem.
Vielleicht auch vor der Vorstellung, jemand könnte unzufrieden, kritisch oder enttäuscht von Ihnen sein.

Dann verändert sich die Ausgangsfrage.

Aus

„Warum kann ich nicht einfach weniger perfektionistisch sein?“

wird:

„Was bedeutet ein Fehler für mich?“

Und manchmal führt diese Frage zu einer überraschenden Antwort:

Vielleicht soll Ihr Perfektionismus nicht dafür sorgen, dass alles perfekt wird. Vielleicht soll er dafür sorgen, dass Sie sich einen Fehler leisten können, ohne mit seiner befürchteten zwischenmenschlichen Konsequenz konfrontiert zu werden.

„Manchmal soll Perfektionismus nicht dafür sorgen, dass etwas besonders gut wird. Er soll verhindern, was passieren könnte, wenn etwas nicht gut genug ist.“

Weitere Perspektiven

Manche Gedanken verändern die Art, wie wir auf unser eigenes Erleben schauen.

Sie machen Zusammenhänge sichtbar, für die uns bisher vielleicht die Worte gefehlt haben. Unter Perspektiven finden Sie weitere Texte zu Beziehungen, Selbstzweifeln und den Folgen emotionaler Verletzungen.