Perspektive

Warum muss ich immer alles verstehen?

Andere Menschen verstehen wollen: Warum wir nach verletzenden oder irritierenden Erfahrungen manchmal stundenlang nach Erklärungen suchen – und was uns dieses Verstehen geben kann.

Vielleicht kennen Sie diesen Gedanken:

„Ich möchte einfach verstehen, warum er das gemacht hat.“

Also denken Sie nach.

Vielleicht war der andere gestresst.
Vielleicht hat er Ihre Bemerkung anders verstanden, als Sie sie gemeint haben.
Vielleicht hat seine Reaktion etwas mit seiner eigenen Geschichte zu tun.

Sie gehen das Gespräch noch einmal durch.
Und noch einmal.

Manchmal recherchieren Sie sogar. Sie lesen über Bindungsmuster, Konfliktverhalten oder psychologische Erklärungen für das Verhalten anderer Menschen.

Irgendwann haben Sie fünf mögliche Erklärungen.

Trotzdem denken Sie weiter.

Das ist interessant.

Denn wenn es Ihnen ausschließlich darum ginge, eine plausible Erklärung zu finden, hätten Sie längst eine.

Vielleicht suchen Sie beim Verstehen noch etwas anderes.

Eine Erklärung verändert das Erleben einer Situation

Stellen Sie sich vor, jemand reagiert plötzlich sehr abweisend auf Sie.

Sie verstehen nicht, was passiert ist.

Gerade noch war alles in Ordnung.
Jetzt ist der andere distanziert und Sie wissen nicht, warum.

Diese Situation enthält etwas ausgesprochen Unangenehmes:

Sie ergibt keinen Sinn.

Dann erfahren Sie, dass der andere kurz vorher eine schlechte Nachricht bekommen hat.

Plötzlich verändert sich etwas.

Das Verhalten ist immer noch unangenehm.
Aber es ist nicht mehr vollkommen unverständlich.

Sie können es in einen Zusammenhang einordnen.

„Ach so. Deshalb.“

Diese zwei Worte können erstaunlich viel verändern.

Was Sinn ergibt, wird berechenbarer

Erklärungen geben Ereignissen einen Zusammenhang.

Vorher gibt es nur:

Etwas ist passiert und ich weiß nicht, warum.

Nachher entsteht eine Geschichte:

Das ist passiert, weil …

Damit wissen Sie möglicherweise auch eher, was Sie erwarten können.

Wenn der andere wegen einer konkreten Belastung abweisend war, erscheint sein Verhalten anders, als wenn Sie keinerlei Vorstellung davon haben, was gerade geschehen ist.

Eine Erklärung reduziert Unbestimmtheit.

Und genau das kann beruhigend sein.

Was wir verstehen, können wir häufig besser einordnen und zumindest ein Stück weit besser vorhersagen.

Vielleicht liegt darin ein Grund, weshalb der Wunsch nach Verständnis manchmal so hartnäckig wird.

„Warum?“ kann eine sehr dringliche Frage werden

Besonders deutlich wird das nach Erfahrungen, die nicht zu unserem bisherigen Bild eines Menschen passen.

Jemand, den Sie für liebevoll hielten, verhält sich plötzlich grausam.
Ein Mensch verspricht etwas und tut kurz darauf das Gegenteil.
Nach einem innigen Gespräch folgt unerwartet Rückzug.

Dann gibt es nicht nur eine verletzende Erfahrung.

Es entsteht gleichzeitig ein Widerspruch.

Wie passt das zusammen?

Solche Widersprüche sind schwer auszuhalten.

Denn solange sie keinen Zusammenhang ergeben, wissen wir auch nicht recht, welche unserer bisherigen Annahmen noch gelten.

Vielleicht war alles ganz anders, als Sie dachten.
Vielleicht haben Sie etwas übersehen.
Vielleicht fehlt Ihnen nur ein entscheidendes Puzzleteil.

Und so beginnt die Suche nach einer Erklärung.

Eine Erklärung kann ein Stück Ordnung wiederherstellen

Wenn wir schließlich eine Erklärung finden, passiert deshalb manchmal etwas Merkwürdiges.

Wir sind erleichtert.

Nicht unbedingt, weil sich an dem Geschehen etwas geändert hätte.

Sondern weil es wieder eine Geschichte gibt, in die es hineinpasst.

„Er zieht sich zurück, weil Nähe für ihn schwierig ist.“
„Sie reagiert so, weil Kritik sie schnell bedroht.“
„Er meint das gar nicht so, er kann in Konflikten einfach schlecht mit seinen Gefühlen umgehen.“

Solche Erklärungen können stimmen.
Sie können falsch sein.
Und manchmal können mehrere gleichzeitig plausibel sein.

Ihre unmittelbare Wirkung hängt jedoch nicht ausschließlich davon ab, ob sie richtig sind.

Eine Erklärung kann bereits dadurch entlasten, dass sie aus etwas Unverständlichem etwas Verständliches macht.

Deshalb kann Verstehen auch nach einer Verletzung beruhigen

Vielleicht haben Sie schon einmal erlebt, dass Sie nach einem schwierigen Gespräch sehr aufgewühlt waren.

Dann haben Sie lange darüber nachgedacht.

Irgendwann fanden Sie eine Erklärung für das Verhalten des anderen.

Und plötzlich ging es Ihnen besser.

Das kann leicht so wirken, als sei damit auch die Situation geklärt.

Doch möglicherweise ist zunächst etwas anderes geschehen:

Die Situation ist für Sie wieder nachvollziehbar geworden.

Das allein kann Anspannung reduzieren.

Und genau deshalb lohnt es sich, den Moment nach einer gefundenen Erklärung genauer zu betrachten.

Was hat sich eigentlich verändert?
Das Verhalten des anderen?
Die Situation zwischen Ihnen?
Oder vor allem Ihr Gefühl, nun wieder zu verstehen, was geschehen ist?

Warum manche Erklärungen besonders attraktiv sind

Nicht jede Erklärung beruhigt gleich gut.

Besonders attraktiv können Erklärungen sein, aus denen sich eine Handlungsmöglichkeit ergibt.

Wenn Sie beispielsweise denken:

„Er hat so reagiert, weil ich das Thema im falschen Moment angesprochen habe“,

entsteht sofort eine Idee für die Zukunft.

Beim nächsten Mal warten Sie auf einen besseren Moment.

Wenn Sie denken:

„Sie braucht nach Konflikten einfach mehr Zeit“,

können Sie sich vornehmen, beim nächsten Mal weniger schnell nachzufragen.

Das gibt Ihnen Einfluss.
Sie wissen wieder, was Sie tun können.

Sehr viel schwieriger ist eine Erklärung wie:

„Dieser Mensch verhält sich manchmal auf eine Weise, die ich nicht vollständig verstehen und auch nicht kontrollieren kann.“

Sie lässt etwas offen.

Und genau dieses Offene kann schwer auszuhalten sein.

Manchmal suchen wir deshalb nach der perfekten Erklärung

Eine plausible Erklärung reicht dann nicht.

Denn solange noch Unsicherheit bleibt, kann eine weitere Erklärung nötig erscheinen.

Vielleicht war es doch anders.
Vielleicht haben Sie einen wichtigen Zusammenhang übersehen.
Vielleicht gibt es eine psychologische Theorie, die endlich alles erklärt.

So kann Verstehenwollen in eine Schleife geraten.

Mit jeder neuen Erklärung entsteht kurzfristig mehr Ordnung.
Dann taucht eine Ausnahme auf.
Und die Suche beginnt erneut.

Das Problem ist dann möglicherweise nicht, dass Sie zu wenig verstanden haben.

Vielleicht versuchen Sie mit Verstehen eine Unsicherheit vollständig zu beseitigen, die sich nicht vollständig beseitigen lässt.

Andere Menschen bleiben teilweise unverständlich

Das ist in engen Beziehungen keine besonders angenehme Erkenntnis.

Wir können einen Menschen sehr gut kennen und trotzdem nicht genau wissen, warum er in einem bestimmten Moment etwas getan hat.

Manchmal weiß der andere es selbst nicht genau.

Motive können widersprüchlich sein.
Erinnerungen unterscheiden sich.

Menschen handeln impulsiv und erklären ihr Verhalten im Nachhinein möglicherweise anders, als sie es in der Situation erlebt haben.

Deshalb gibt es in Beziehungen Fragen, auf die wir keine vollständig sichere Antwort bekommen.

Das bedeutet nicht, dass Verstehen sinnlos wäre.
Es bedeutet, dass Verstehen Grenzen hat.

Sie brauchen nicht für alles eine endgültige Erklärung

Vielleicht liegt darin der schwierigere Schritt.

Eine Situation kann offenbleiben.

Sie können sagen:

„Ich weiß nicht genau, warum dieser Mensch das getan hat.“

Und trotzdem wissen Sie möglicherweise andere Dinge.

Sie wissen, was gesagt wurde.
Sie wissen, wie Sie die Situation erlebt haben.
Sie wissen vielleicht, ob etwas Ähnliches schon häufiger geschehen ist.

Die fehlende Erklärung löscht diese Informationen nicht.

Sie lässt lediglich eine Frage offen:

Warum?

Und vielleicht muss diese Frage nicht immer beantwortet sein, bevor Sie sich mit dem beschäftigen können, was Sie bereits wissen.

Wenn Verstehen zur Voraussetzung für die eigene Reaktion wird

Besonders schwierig wird es, wenn Sie glauben, erst dann auf etwas reagieren zu dürfen, wenn Sie es vollständig verstanden haben.

Dann verschiebt sich jede Entscheidung.

Bevor Sie eine Grenze setzen, möchten Sie sicher sein, dass der andere es wirklich so gemeint hat.
Bevor Sie Ihre Verletzung ernst nehmen, möchten Sie verstehen, ob er überhaupt anders hätte handeln können.
Bevor Sie sich eine Meinung über eine Situation erlauben, möchten Sie alle Perspektiven berücksichtigt haben.

Das kann sehr fair wirken.

Es erzeugt allerdings eine Aufgabe, die kaum vollständig zu lösen ist.

Denn für absolute Gewissheit über die inneren Gründe eines anderen Menschen fehlen uns häufig die Informationen.

Dann wird das Verstehen zur Bedingung für etwas, das möglicherweise auch ohne vollständiges Verständnis möglich wäre:

die eigene Erfahrung ernst zu nehmen.

Vielleicht suchen Sie beim Verstehen nach etwas anderem

Wenn Sie das nächste Mal merken, dass Sie seit Stunden darüber nachdenken, warum ein Mensch etwas getan hat, könnte deshalb eine andere Frage interessant sein:

„Was würde sich für mich verändern, wenn ich die Erklärung endlich hätte?“

Wäre die Situation weniger irritierend?
Wüssten Sie wieder, woran Sie sind?
Hätten Sie eine Idee, wie Sie beim nächsten Mal reagieren können?
Oder könnten Sie dann leichter entscheiden, was Sie von dem Geschehen halten?

Vielleicht entdecken Sie dabei, dass Sie nicht nur nach einer Erklärung suchen.

Sie suchen nach Ordnung.
Nach Berechenbarkeit.

Vielleicht auch nach einer Möglichkeit, wieder Einfluss auf etwas zu bekommen, das sich im Moment schwer einordnen lässt.

Dann bekommt der Wunsch, alles verstehen zu müssen, eine andere Bedeutung.

Er ist nicht bloß Neugier.

Verstehen kann ein Versuch sein, aus etwas Unverständlichem wieder eine Welt zu machen, in der man sich orientieren kann.

Und manchmal darf eine Frage trotzdem offenbleiben.

„Verstehen kann ein Versuch sein, aus etwas Verletzendem wieder etwas Berechenbares zu machen.“

Weitere Perspektiven

Manche Gedanken verändern die Art, wie wir auf unser eigenes Erleben schauen.

Sie machen Zusammenhänge sichtbar, für die uns bisher vielleicht die Worte gefehlt haben. Unter Perspektiven finden Sie weitere Texte zu Beziehungen, Selbstzweifeln und den Folgen emotionaler Verletzungen.