Warum intelligente Menschen emotionale Gewalt besonders spät erkennen
Emotionale Gewalt erkennen: Warum Reflexionsfähigkeit, Empathie und die Fähigkeit zum Perspektivwechsel dazu führen können, dass Warnsignale in Beziehungen lange anders eingeordnet werden.

„Ich hätte das doch merken müssen.“
Diesen Satz höre ich in meiner Praxis immer wieder.
Menschen, die emotionale Gewalt erst spät erkannt haben, blicken häufig mit großer Härte auf sich selbst zurück.
Sie fragen sich, warum sie bestimmte Situationen so lange hingenommen haben. Warum sie Warnsignale nicht früher erkannt haben und ihrer eigenen Wahrnehmung irgendwann nicht mehr vertraut haben.
Vielleicht entsteht daraus der Gedanke:
„Wie konnte ich das nicht sehen?“
Doch möglicherweise haben Sie sehr viel mehr gesehen, als Sie heute denken.
Sie haben bemerkt, dass etwas nicht stimmte. Dass Sie verletzt waren oder ein Gespräch sich merkwürdig angefühlt hat.
Die Schwierigkeit könnte an einer anderen Stelle gelegen haben:
Sie konnten für das, was Sie wahrgenommen haben, sehr viele mögliche Erklärungen finden.
Warum Reflexionsfähigkeit das Erkennen emotionaler Gewalt erschweren kann
Wer gut darin ist, komplexe Situationen zu durchdenken, sieht selten nur eine mögliche Erklärung.
Nehmen wir an, Ihr Partner macht vor anderen eine abwertende Bemerkung über Sie.
Ihr erster Gedanke könnte sein:
„Das war verletzend.“
Gleichzeitig fallen Ihnen möglicherweise andere Erklärungen ein. Vielleicht war er selbst verunsichert. Vielleicht wollte er witzig sein oder hat gar nicht bemerkt, wie die Bemerkung bei Ihnen angekommen ist. Vielleicht reagieren Sie aufgrund früherer Erfahrungen empfindlicher. Vielleicht war er an diesem Abend einfach angespannt.
Und möglicherweise fragen Sie sich auch, ob Sie selbst etwas zu der Situation beigetragen haben.
Je mehr Perspektiven wir einnehmen können, desto mehr mögliche Interpretationen eines Verhaltens stehen uns zur Verfügung.
Und desto bewusster kann uns sein, dass auch unsere eigene erste Einschätzung falsch sein könnte.
Das ist grundsätzlich eine große Fähigkeit.
Wir können unsere Wahrnehmung überprüfen, andere Perspektiven berücksichtigen und unsere Einschätzung korrigieren, wenn neue Informationen hinzukommen.
In ungesunden Beziehungen kann genau diese Fähigkeit zur Falle werden.
Wenn jede Situation mehrere Erklärungen hat
Emotionale Gewalt besteht häufig nicht aus einem einzigen Ereignis, das sich zweifelsfrei einordnen lässt.
Vieles geschieht in konkreten Situationen und hat einen Kontext.
Wer differenziert denkt, kann diesen Kontext sehr gut sehen.
Der Partner war gestresst. Er hatte Angst. Vielleicht wollte er das nicht so sagen. Vielleicht habe ich selbst etwas dazu beigetragen.
Jede dieser Erklärungen kann plausibel sein.
Und mit jeder plausiblen Erklärung entsteht eine weitere Möglichkeit:
Vielleicht habe ich die Situation falsch eingeschätzt.
So kann die eigene Wahrnehmung immer wieder überprüft werden.
Nicht nur einmal, wenn neue Informationen auftauchen.
Sondern bei der nächsten Situation wieder.
Die Fähigkeit, sich irren zu können, ist eine Stärke
Zu differenziertem Denken gehört auch die Fähigkeit, die eigene Perspektive nicht für die einzig mögliche zu halten.
Wir wissen, dass wir nicht alle Hintergründe kennen, etwas missverstanden haben können und unsere eigenen Erfahrungen beeinflussen, wie wir eine Situation wahrnehmen.
Der andere kann dasselbe Geschehen vollkommen anders erleben.
Diese Form von Selbstreflexion ist wertvoll.
Sie schützt davor, vorschnell zu urteilen. Sie macht Verständigung möglich und erlaubt uns, die eigene Position zu verändern.
In einer Beziehung, in der beide Menschen an Verständigung interessiert sind, kann genau diese Fähigkeit sehr hilfreich sein.
Schwierig wird es, wenn die Bereitschaft, die eigene Wahrnehmung zu überprüfen, immer wieder dazu führt, dass die eigene Wahrnehmung an Gewicht verliert.
Dann wird aus
„Ich könnte mich irren.“
mit der Zeit vielleicht
„Wahrscheinlich irre ich mich.“
Warum Empathie Warnsignale zusätzlich schwerer einordenbar machen kann
Dazu kommt eine weitere Fähigkeit: Empathie.
Wer sich gut in andere Menschen hineinversetzen kann, sieht häufig auch, was hinter einem Verhalten liegen könnte.
Vielleicht erkennen Sie die Angst hinter kontrollierendem Verhalten. Sie verstehen die Unsicherheit, die zu einer Abwertung beigetragen haben könnte, oder wissen um schwierige Erfahrungen in der Geschichte des anderen.
Dieses Verständnis kann Verhalten nachvollziehbarer machen.
Und je nachvollziehbarer etwas wird, desto schwieriger kann es werden, die eigene Irritation weiterhin ernst zu nehmen.
Sie wissen dann möglicherweise sehr genau, warum Ihr Partner so reagiert.
Gleichzeitig fragen Sie sich immer wieder, ob Sie überhaupt das Recht haben, sein Verhalten problematisch zu finden.
Ihr Verständnis für den anderen ist groß.
Die Sicherheit in der eigenen Einschätzung wird kleiner.
Warum wir Warnsignale wahrnehmen und trotzdem spät erkennen können
Im Rückblick kann der Eindruck entstehen:
„Ich habe all das überhaupt nicht gesehen.“
Doch das muss nicht stimmen.
Vielleicht haben Sie sehr wohl bemerkt, dass bestimmte Situationen Sie verletzt oder irritiert haben. Vielleicht haben Sie auch wahrgenommen, dass Sie vorsichtiger wurden oder manches lieber nicht mehr ansprachen.
Nur stand neben dieser Wahrnehmung sehr schnell eine zweite:
„Es könnte auch ganz anders sein.“
Und mit ihr weitere mögliche Erklärungen.
Das Warnsignal war damit nicht unbedingt unsichtbar.
Es befand sich nur inmitten verschiedener Interpretationen.
Wenn eine Stärke in einem bestimmten Kontext zum Problem wird
Perspektivwechsel, Empathie und Selbstreflexion sind wichtige Fähigkeiten.
Sie helfen uns, komplexe Situationen zu verstehen, andere Menschen ernst zu nehmen und die eigene Sicht nicht vorschnell für die einzig mögliche zu halten.
In ungesunden Beziehungen können genau diese Fähigkeiten eine unerwartete Wirkung bekommen.
Denn während Sie immer wieder prüfen, ob es noch eine andere Erklärung gibt, muss der andere sein Verhalten möglicherweise gar nicht in gleichem Maße infrage stellen.
Sie tun einen Teil dieser Arbeit bereits für ihn.
Sie berücksichtigen seine Perspektive, seine Geschichte und seine aktuelle Situation – und anschließend noch die Möglichkeit, dass Ihre eigene Einschätzung falsch sein könnte.
So kann eine Situation immer wieder neu erklärt werden, obwohl Sie längst etwas wahrgenommen haben, das Sie irritiert.
Vielleicht erkennen manche reflektierte Menschen emotionale Gewalt deshalb spät, obwohl sie sehr viel wahrnehmen.
Ihnen stehen besonders viele Möglichkeiten zur Verfügung, das Wahrgenommene anders zu interpretieren.
Vielleicht haben Sie mehr gesehen, als Sie heute denken
Wenn Sie heute auf eine Beziehung zurückblicken und sich fragen, warum Sie bestimmte Warnsignale nicht früher erkannt haben, könnte deshalb eine andere Frage interessant sein:
Was habe ich damals eigentlich wahrgenommen – und welche Erklärungen habe ich anschließend dafür gefunden?
Vielleicht haben Sie früh gespürt, dass etwas nicht stimmt.
Anschließend haben Sie nachgedacht, abgewogen, andere Perspektiven berücksichtigt und Ihre eigene Einschätzung überprüft.
Das spricht nicht zwangsläufig gegen Ihre Wahrnehmungsfähigkeit.
Es könnte zeigen, wie viele Möglichkeiten Ihnen zur Verfügung standen, das Wahrgenommene einzuordnen.
Manchmal liegt die Schwierigkeit deshalb nicht darin, ein Warnsignal überhaupt zu sehen.
Sie liegt darin, ihm zwischen all den möglichen Erklärungen genügend Gewicht zu geben.
„Je mehr Perspektiven wir einnehmen können, desto mehr mögliche Interpretationen eines Verhaltens stehen uns zur Verfügung.“
