Grundlagenartikel

Warum Gewalt nicht immer so aussieht, wie wir sie uns vorstellen

Was mit Gewalt und insbesondere emotionaler Gewalt gemeint ist, in welchen Formen Gewalt auftreten kann – und warum emotionale Gewalt oft besonders schwer einzuordnen ist.

Bei Gewalt denken viele Menschen zuerst an körperliche Gewalt. An einen Angriff auf die körperliche Unversehrtheit, an eine erkennbare Bedrohung oder an Verletzungen.

Diese Vorstellung ist richtig. Sie ist nur nicht vollständig.

Gewalt kann auf mehr als einer körperlichen Ebene stattfinden. Gewalt kann sich gegen den Körper eines Menschen richten, aber auch gegen seine sexuelle Selbstbestimmung, seine psychische Integrität, seine Freiheit oder seine Möglichkeiten, über das eigene Leben zu bestimmen.

Und nicht jede Form von Gewalt ist von außen gleichermaßen gut zu erkennen.

Was meinen wir eigentlich, wenn wir von Gewalt sprechen?

Es gibt nicht die eine Definition von Gewalt, die in jedem fachlichen, gesellschaftlichen und rechtlichen Zusammenhang gleichermaßen verwendet wird.

Eine international häufig herangezogene Definition stammt von der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Sie beschreibt Gewalt als den absichtlichen Einsatz körperlicher Kraft oder Macht – angedroht oder tatsächlich ausgeübt – gegen sich selbst, einen anderen Menschen, eine Gruppe oder Gemeinschaft, der zu Verletzung, Tod, psychischer Schädigung, Fehlentwicklung oder Deprivation führt oder mit hoher Wahrscheinlichkeit dazu führen kann (WHO, 2002, S. 5).

Bemerkenswert daran ist die ausdrückliche Einbeziehung von Macht. Der Gewaltbegriff reicht damit über körperliche Übergriffe hinaus und erfasst neben körperlichen Verletzungen auch psychische Schädigung sowie Deprivation, also die Vorenthaltung oder Einschränkung grundlegender Ressourcen und Möglichkeiten (WHO, 2002).

Gewalt kann demzufolge über körperliche Übergriffe hinausgehen. Sie kann körperlichen, sexuellen, psychischen oder wirtschaftlichen Schaden oder Leiden verursachen und mit Drohungen, Nötigung oder willkürlicher Freiheitsentziehung verbunden sein (Europarat, 2011, Art. 3).

In Beziehungen können diese Formen ineinandergreifen. Ein Mensch kann psychisch unter Druck gesetzt und gleichzeitig wirtschaftlich abhängig gemacht werden. Kontrolle kann über Geld, soziale Kontakte oder digitale Kommunikation ausgeübt werden.

Die Begriffe helfen uns, unterschiedliche Formen von Gewalt zu beschreiben. Das tatsächliche Erleben von Menschen hält sich natürlich nicht an solche Kategorien.

Was ist das Besondere an emotionaler Gewalt?

Bei körperlicher Gewalt richtet sich die Gewalthandlung gegen die körperliche Unversehrtheit eines Menschen.

Bei psychischer beziehungsweise emotionaler Gewalt fehlt ein vergleichbar eindeutiger körperlicher Bezugspunkt. Sie kann sich beispielsweise in Abwertung und Demütigung, Einschüchterung oder Drohungen zeigen. In Partnerschaften kann psychische Gewalt auch Teil eines umfassenderen Musters von Kontrolle sein, etwa wenn ein Mensch überwacht, sozial isoliert oder in seiner Selbstbestimmung zunehmend eingeschränkt wird (WHO, 2012).

Psychische Gewalt zeigt sich dabei nicht ausschließlich in offenem Tun, sondern manchmal auch durch Unterlassen.

Unterlassungen können unter anderem aus dem Vorenthalten von zum Beispiel Kommunikation, Informationen, Unterstützung oder wichtigen Ressourcen bestehen.

Rückzug oder Vorenthalten sind nicht für sich genommen schon Gewalt. Sie können jedoch Teil einer gewaltvollen Dynamik sein, wenn sie wiederholt und gezielt als Druckmittel eingesetzt werden – etwa um die andere Person zu bestrafen, zu verunsichern, gefügig zu machen oder von Unterstützung und Ressourcen abzuschneiden. Forschung zu subtiler oder verdeckter Gewalt weist darauf hin, dass gerade solche schwer sichtbar zu machenden Verhaltensweisen in einem Muster von Macht und Kontrolle stehen können (Parkinson, Jong & Hanson, 2024).

Manche dieser Verhaltensweisen sind bereits für sich genommen eindeutig. Andere können im Alltag zunächst uneindeutig erscheinen. Eine Frage danach, wo der andere ist, kann Interesse sein – oder Teil einer fortlaufenden Kontrolle.

Für die Einordnung wird deshalb relevant, wie ein Mensch mit einem eigenen Gefühl umgeht und was daraus im Umgang miteinander entsteht. So ist zum Beispiel Eifersucht zunächst ein Gefühl, das auch in tragfähigen Beziehungen vorkommen kann.

Aber es macht einen Unterschied, ob jemand die eigene Eifersucht wahrnimmt, auf Augenhöhe anspricht und eigenverantwortlich mit ihr umgeht. Oder ob Kontakte zu Freund*innen regelmäßig Vorwürfe auslösen, ständige Erreichbarkeit verlangt wird, Kommunikation kontrolliert wird oder eigenständige Entscheidungen unter Druck gesetzt werden, sodass die andere Person beginnt, ihr verhalten daran auszurichten.

Vielleicht wird nie ausdrücklich gesagt: „Du darfst deine Freundin nicht treffen.“ Und trotzdem werden Verabredungen irgendwann abgesagt, weil die zu erwartenden Auseinandersetzungen zu belastend geworden sind.

Gerade bei emotionaler Gewalt kann deshalb der Zusammenhang entscheidend sein. Was eine einzelne Situation noch nicht erkennen lässt, kann als wiederkehrendes Beziehungsmuster eine andere Bedeutung bekommen.

Dabei ist nicht alles, was verletzend ist, Gewalt

Diese Unterscheidung ist wichtig.

Menschen können einander in Beziehungen erheblich verletzen, ohne dass damit bereits eine gewaltvolle Beziehungsdynamik beschrieben ist.

Jemand kann in einem Streit ungerecht werden, ein Bedürfnis übersehen oder aus Kränkung etwas sagen, das er später bereut. Das kann schmerzhaft sein und eine Beziehung ernsthaft belasten.

Für die Einordnung als Gewalt reicht die Tatsache, dass etwas wehgetan hat, jedoch nicht aus.

Umgekehrt wäre es ebenso problematisch, emotionale Gewalt erst dort anzunehmen, wo eine einzelne Handlung so extrem geworden ist, dass kaum noch Zweifel möglich sind.

Die Schwierigkeit liegt häufig gerade darin, diese Unterschiede genau einzuordnen.

Muss jemand schaden wollen, damit wir von Gewalt sprechen?

Auch bei der Absicht lohnt sich eine genaue Unterscheidung.

Bei Gewalt denken wir häufig nicht nur an bestimmte Handlungen, sondern auch an eine bestimmte Absicht dahinter: Jemand will einen anderen Menschen einschüchtern, verletzen oder kontrollieren.

Und solche absichtsvoll ausgeübte Gewalt gibt es. Menschen können bewusst verletzen, erniedrigen oder einschüchtern. Gewalt kann gezielt eingesetzt werden, um einen anderen Menschen zu kontrollieren, seinen Handlungsspielraum einzuschränken oder Abhängigkeit herzustellen (Hamberger, Larsen & Lehrner, 2017).

Gerade in nahen Beziehungen kann diese Möglichkeit lange schwer vorstellbar sein. Wer einen Menschen liebt, ihm vertraut oder viele andere Seiten von ihm kennt, rechnet üblicherweise nicht damit, dass solche Verhaltensweisen tatsächlich beabsichtigt sind.

Gleichzeitig setzt Gewalt nicht immer voraus, dass ein Mensch die Schädigung des anderen beabsichtigt.

Ein Mensch kann beispielsweise das eigene Kontrollverhalten als Sorge einordnen, starke Eifersucht als Ausdruck von Liebe bewerten oder wiederholten Druck als legitimen Versuch verstehen, eine Beziehung zu retten.

Für die Einordnung einer Beziehung reicht es deshalb nicht aus, danach zu fragen, wie jemand sein eigenes Verhalten benennt.

Was jemand mit seinem Verhalten beabsichtigt und was durch dieses Verhalten in einer Beziehung entsteht, ist nicht dasselbe.

Warum emotionale Gewalt von innen so schwer zu erkennen sein kann

Von außen lassen sich bestimmte Verhaltensweisen vielleicht als Kontrolle, Einschüchterung oder Isolation beschreiben.

Von innen erlebt ein Mensch seine Beziehung.

Dort gibt es möglicherweise auch Zuneigung, gemeinsame Erinnerungen und gute Zeiten. Es gibt Erklärungen dafür, warum der andere so reagiert. Vielleicht gibt es Entschuldigungen und ernst gemeinte Versuche, etwas anders zu machen.

Hinzu kommt, dass viele einzelne Situationen auch außerhalb von gewaltvollen Beziehungen vorkommen können. Eifersucht, ein heftiger Streit oder eine verletzende Bemerkung sagen für sich genommen noch wenig darüber aus, wie eine Beziehung insgesamt einzuordnen ist.

Wer mitten in einer Beziehung lebt, versucht deshalb möglicherweise lange, anhand einzelner Situationen zu entscheiden, ob das, was geschieht, bereits Gewalt ist.

Hinzu kommt eine Dynamik, die bei emotionaler Gewalt auftreten und die Einordnung zusätzlich erschweren kann.

Das Vertrauen in die eigene Wahrnehmung und Einschätzung kann mit der Zeit unsicher werden.

Wenn die eigene Wahrnehmung wiederholt infrage gestellt, Geschehenes anders dargestellt, Verantwortung zurückgewiesen oder umgekehrt wird und Widerspruch regelmäßig neue Konflikte auslöst, geht es irgendwann nicht mehr nur um die Frage, wie eine bestimmte Situation zu verstehen ist. Auch die eigene Fähigkeit, Situationen überhaupt verlässlich einzuschätzen, kann zunehmend erschüttert werden.

Dann entsteht Unsicherheit nicht allein deshalb, weil einzelne Situationen schwer einzuordnen sind. Sie kann auch Teil einer subtilen oder verdeckten Missbrauchsdynamik sein und dazu beitragen, dass Betroffene das Geschehen schwerer erkennen und einordnen können (Parkinson, Jong & Hanson, 2024).

Gerade bei emotionaler Gewalt braucht es deshalb Genauigkeit. Der Begriff sollte nicht so weit werden, dass jede Verletzung, Enttäuschung oder schwierige Beziehung darunterfällt. Er sollte auch nicht so eng sein, dass Gewalt erst erkennbar wird, wenn sie unserem vertrauten Bild davon entspricht.

Traumatische Erfahrungen haben unterschiedliche Ursachen

Traumatische Erfahrungen können sehr unterschiedliche Ursachen haben. Dazu gehören beispielsweise Unfälle, Naturkatastrophen und schwere gesundheitliche Ereignisse ebenso wie Erfahrungen, die Menschen anderen Menschen zufügen.

Gerade bei zwischenmenschlich verursachten Traumatisierungen kann für Betroffene eine zusätzliche Frage entstehen: Hat es etwas mit mir zu tun, dass mir das passiert ist?

Bei Gewalt in nahen Beziehungen berührt das Erlebte häufig nicht nur die Erinnerung an einzelne Ereignisse. Es kann auch beeinflussen, wie Menschen sich selbst, andere und Beziehungen wahrnehmen und wie sicher sie ihrer eigenen Wahrnehmung vertrauen.

Warum Beziehungsthemen bei traumascript viel Raum bekommen

Viele Perspektiven bei traumascript greifen deshalb Fragen auf, die im Zusammenhang mit schwierigen oder gewaltvollen Beziehungserfahrungen entstehen können. Emotionale Gewalt spielt dabei eine besondere Rolle, weil sie für Betroffene häufig schwer zu erkennen und einzuordnen ist.

Der psychotraumatologische Blick von traumascript ist jedoch nicht darauf beschränkt.

traumascript beschäftigt sich damit, wie belastende und traumatische Erfahrungen im gegenwärtigen Erleben weiterwirken können – und was Menschen dabei unterstützen kann, Zusammenhänge zu verstehen, genauer zu unterscheiden und wieder mehr Handlungsspielraum zu entwickeln.

Wenn Sie unsicher sind

Sie müssen nicht sicher wissen, ob das, was Sie erleben, Gewalt ist, um sich Unterstützung zu holen und Ihre Situation mit einer unabhängigen Person einzuordnen.

Literatur und Quellen

Council of Europe. (2011): Übereinkommen des Europarats zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt (Istanbul-Konvention, SEV Nr. 210). Insbesondere Art. 3.

Hamberger, L. K., Larsen, S. E., & Lehrner, A. (2017): Coercive control in intimate partner violence. Aggression and Violent Behavior, 37, 1–11. https://doi.org/10.1016/j.avb.2017.08.003.

Krug, E. G., Dahlberg, L. L., Mercy, J. A., Zwi, A. B., & Lozano, R. (Hrsg.) (2002): World report on violence and health. Genf: World Health Organization.

World Health Organization, & Pan American Health Organization. (2012): Understanding and addressing violence against women: Intimate partner violence. Genf: World Health Organization.

Parkinson, R., Jong, S. T., & Hanson, S. (2024): Subtle or covert abuse within intimate partner relationships: A scoping review. Trauma, Violence, & Abuse, 25(5), 4090–4101. https://doi.org/10.1177/15248380241268643

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Manche Gedanken verändern die Art, wie wir auf unser eigenes Erleben schauen.

Sie machen Zusammenhänge sichtbar, für die uns bisher vielleicht die Worte gefehlt haben. Unter Perspektiven finden Sie weitere Texte zu Beziehungen, Selbstzweifeln und den Folgen emotionaler Verletzungen.