Warum jemand es nicht böse meinen muss – und trotzdem emotionale Gewalt entstehen kann
Über gute Absichten, schwierige Beziehungsmuster und die Frage, welche Rolle die Absicht eines Menschen dabei spielt.

Bei emotionaler Gewalt denken viele Menschen zunächst an jemanden, der einen anderen bewusst kleinmacht, kontrolliert oder verunsichert. Die Vorstellung einer schädigenden Absicht liegt nahe: Jemand weiß, was er tut – und tut es trotzdem.
Und natürlich gibt es emotionale Gewalt, die gezielt eingesetzt wird, um einen anderen Menschen zu kontrollieren, abzuwerten oder zu verunsichern. Doch nicht jedes emotional gewaltvolle Verhalten entsteht auf diese Weise.
Ein Mensch kann beispielsweise sehr eifersüchtig sein und sein Verhalten selbst als Ausdruck seiner Liebe verstehen. Er kann überzeugt sein, dass seine vielen Fragen, seine Erwartungen an Erreichbarkeit oder sein Unbehagen über Kontakte zu anderen aus Sorge um die Beziehung entstehen. Was von außen kontrollierend wirkt, muss sich aus seiner eigenen Perspektive keineswegs wie Kontrolle anfühlen.
Ein Mensch kann sein eigenes Verhalten für berechtigt halten und trotzdem emotional gewaltvoll handeln.
Gerade das kann sehr verwirrend sein und die Einordnung für das Gegenüber so schwierig machen.
„Aber er meint es doch nicht böse.“
Normalerweise spielt die Absicht eines Menschen eine wichtige Rolle dabei, wie wir sein Verhalten bewerten. Es macht einen Unterschied, ob uns jemand versehentlich anrempelt oder absichtlich stößt. Deshalb liegt es nahe, auch bei emotionaler Gewalt wissen zu wollen, ob jemand tatsächlich kontrollieren, verunsichern oder verletzen wollte.
Fehlt eine solche Absicht, kann das beruhigend wirken: Dann kann es so schlimm nicht sein.
Bei Beziehungsmustern greift diese Schlussfolgerung allerdings zu kurz.
Kontrolle braucht keinen Plan
Stellen wir uns vor, eine Frau möchte einen Abend mit Freundinnen verbringen.
Ihr Partner reagiert verletzt. Er sagt, dass sie in letzter Zeit ohnehin kaum Zeit miteinander verbracht hätten, fragt mehrfach, ob sie wirklich gehen müsse, und schreibt ihr später am Abend immer wieder. Am nächsten Tag ist er kühl und zurückgezogen.
Möglicherweise hat dieser Mann zu keinem Zeitpunkt vorgehabt, den Kontakt zu ihren Freundinnen einzuschränken. Vielleicht erlebt er tatsächlich Verlustangst und fühlt sich zurückgesetzt.
Wenn solche Situationen jedoch immer wieder mit Konflikten, Rechtfertigungen oder langen Spannungen verbunden sind, kann es irgendwann einfacher erscheinen, eine Verabredung abzusagen.
Kontrolle muss deshalb nicht immer als ausdrückliche Forderung auftreten. Sie kann auch in einer Beziehungsdynamik entstehen, in der Selbstständigkeit regelmäßig mit hohen emotionalen Kosten verbunden ist.
Die eigene Absicht ist uns näher als die eigene Wirkung
Wir erleben unser Verhalten von innen. Wir kennen die Angst, die Kränkung oder die Verzweiflung, aus der heraus wir etwas tun. Deshalb kann sich das eigene Verhalten ausgesprochen nachvollziehbar anfühlen.
Der andere Mensch begegnet jedoch nicht unserer inneren Begründung, sondern unserem Verhalten.
Darin liegt eine der Schwierigkeiten solcher Situationen. Ein Gespräch kann für den einen der verzweifelte Versuch sein, endlich verstanden zu werden, während der andere erlebt, dass seine Bitte, das Gespräch für heute zu beenden, immer wieder übergangen wird.
Beide Beschreibungen können etwas Wahres enthalten.
Gerade deshalb reicht die gute Absicht allein nicht aus, um ein Verhalten einzuordnen.
Gute Absichten machen schwieriges Verhalten nicht bedeutungslos
Natürlich sind Absichten nicht unwichtig. Es kann einen erheblichen Unterschied machen, ob jemand gezielt versucht, einen anderen Menschen zu verunsichern, oder ob problematisches Verhalten aus Angst, Überforderung oder erlernten Beziehungsmustern entsteht – genau dieser Unterschied kann wesentlich für die Möglichkeit von Veränderung sein.
Die Absicht allein beantwortet jedoch nicht die Frage, welche Dynamik zwischen zwei Menschen entsteht.
Das ist vielleicht einer der Gründe, weshalb emotionale Gewalt von innen so schwer zu erkennen sein kann: Wir suchen manchmal nach einer feindseligen Absicht, obwohl problematische Beziehungsmuster keine solche Absicht voraussetzen.
Ein Mensch kann aufrichtig um eine Beziehung kämpfen und dabei Verhaltensweisen entwickeln, durch die der Spielraum des anderen immer kleiner wird.
Beides kann gleichzeitig wahr sein.
Und möglicherweise verändert bereits diese Erkenntnis den Blick auf manche Beziehungen:
Ein Mensch muss es nicht böse meinen, damit das, was zwischen zwei Menschen geschieht, problematisch sein kann.
